Seit Jahrzehnten feilschen die Astronomen über die "Hubble-Konstante".
Das ist DIE heilige Zahl der Kosmologie, die angibt, wie schnell sich unser Universum ausdehnt. Zwischen 50 und 100 schwankten bislang die von den Astronomen mit unterschiedlichen Methoden ermittelten Werte.
Die Hubble-Konstante definiert die Geschwindigkeit, mit der sich das Universum ausdehnt, in "Kilometern pro Sekunde pro Megaparsec". Ein Parsec sind 3,2 Lichtjahre, ein Megaparsec eine Million Parsec - also 3,2 Millionen Lichtjahre. Eine Hubble Konstante von 70 bedeutet folglich, daß der Abstand einer 3,2 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie durch die Raumexpansion pro Sekunde um 70 Kilometer anwächst.
Im Mai 1999 verkündete der amerikanische Himmelsforscher Robert Kennicut auf der Jahrestagung der Amerikanischen
Astronomischen Gesellschaft die frohe Botschaft :
Der Streit und die Kontroverse ist ein für allemal vorbei !!
Der Wert der Hubble-Konstanten beträgt 70. Acht Jahre lang hatte ein internationales Team von 27 Astronomen mit dem Hubble-Weltraumteleskop flackernde Sterne in fernen Galaxien beobachtet, um zu diesem Ergebnis zu kommen.
"Nach all diesen Jahren," begeistert sich die Leiterin des Projekts, Wendy Freedman, "beginnt damit endlich die Ära der präzisen Kosmologie!"
Doch sie hat zu früh gejubelt. Während die Mitarbeiter ihres superteuren Projektes auf der Tagung noch ausführlich ihre Meßmethoden erläuterten, präsentierte ein hinterlistiger junger Radioastronom namens Jim Herrnstein auf einer
parallel laufenden Pressekonferenz ein einzelnes Meßergebnis, daß Freedmans Team glatt den Boden unter den Füßen wegzog.
Herrnsteins Befund: Eine unbedeutende Galaxie namens NGC 4258 ist nicht, wie bislang vermutet
25 Millionen Lichtjahre, sondern lediglich 22 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Was als eine unbedeutende Korrektur erscheint, hat für die Astronomen dramatische Konsequenzen.
Denn der bisherige Wert beruht auf einem Verfahren, welches auch das Hubble-Team angewendet hatte.
Hat Jim Herrnstein Recht, so ist dieses Verfahren fehlerhaft ! Und damit müßte der vermeintlich finale Wert der Hubble-Konstanten sofort wieder auf den Wert 82 korrigiert werden. Diese Zahl ist freilich zu hoch, um die ungeteilte Zustimmung der streitenden Astronomenzunft zu bekommen.
Daß unser Universum nicht in immerwährender Starre verharrt, sondern mit Schwung auseinander
fliegt, deutete sich erstmals in den zwanziger Jahren an. Damals stießen die Himmelsforscher auf den seltsamen Befund, daß sich alle fernen Galaxien von uns fort bewegen. Sie mochten jedoch nicht glauben, daß unsere Milchstraße sich an einem besonderen Ort - gleichsam dem Mittelpunkt des Universums - befindet, von welchem alles fortstrebt.
Vielmehr erklärten die Forscher die rätselhafte Erscheinung mit einer Art optischer Täuschung:
Es seien gar nicht die Galaxien, die sich von uns fort bewegen, sondern vielmehr der Raum selbst, der sich ausdehne.
Die amerikanischen Kosmologen Howard Robertson und Edwin Hubble konnten dann in den Jahren 1928/29 zeigen, daß die scheinbare "Fluchtgeschwindigkeit" der Galaxien gleichmäßig mit der Entfernung zunimmt - genau,
wie es bei einer Expansion des Raumes zu erwarten ist.
Mit seiner ersten Schätzung der Expansionsgeschwindigkeit hatte Hubble aber Pech:
Auf 558 bestimmte er den Wert der später nach ihm benannten Konstanten - doch dann hätte der Kosmos jünger sein müssen als die Erde! Je schneller nämlich die Expansion ist, desto weniger Zeit hätte der Raum benötigt, um seine heutige Ausdehnung zu erreichen.
Weitere Messungen führten jedoch rasch zu kleineren, mit dem Erdalter verträglichen Werten. In den sechziger Jahren bestimmte dann schließlich Allan Sandage mit der bis dahin genauesten Analyse den Wert der Hubble-Konstanten zu 50. Sandage Messungen wurden in der Fachwelt allgemein akzeptiert, als "Erbe Hubbles" wurde er vielfach für seine Arbeiten ausgezeichnet.
Doch auch damals war das endgültige Wort noch nicht gesprochen. Im Jahre 1976 betrat ein
Gegenspieler die wissenschaftliche Bühne: Gérard de Vaucouleurs behauptete, der Wert der Hubble-Konstanten sei doppelt so groß, nämlich rund 100. Und damit begann eine Auseinandersetzung, die die "Fachwelt" für Jahrzehnte in zwei unversöhnliche und total zerstrittene Lager spaltete.
Die Lösung der Hubble-Frage wurde deshalb zum "Schlüsselprojekt" des 1990 in die Erdumlaufbahn gebrachten Weltraumteleskops Hubble deklariert. Nahezu 800 veränderliche Sterne, sogenannte "Cepheiden", machten
Freedman, Kennicut und ihre Mitstreiter dazu in 18 bis zu 65 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxien ausfindig.
Die Cepheiden sind sozusagen die Meßlatte der Astronomen: Aus dem Rhythmus ihrer Helligkeitsänderung läßt sich nämlich ihre Entfernung ermitteln. Und vielleicht liegt genau hier das Problem - möglicherweise ist die Meßlatte zu kurz geraten.
Um den Zusammenhang zwischen Helligkeitsänderung und Entfernung nutzen zu können, muß er zunächst einmal bei nahegelegenen Cepheid-Sternen geeicht werden. Dazu benutzen die Astronomen Cepheiden in der Großen
Magellanschen Wolke, einem Trabantensystem unserer Milchstraße. Diese Eichung, darauf deutet die Messung Herrnsteins hin, scheint jedoch aus bislang unbekannten Gründen falsch zu sein.
Vor fünf Jahren hatte das Team von Wendy Freedman schon einmal für Schlagzeilen gesorgt. Damals veröffentlichten die Hubble-Forscher als vorläufiges Ergebnis ihrer Arbeit einen Wert der Hubble-Konstanten von 80. Vom "Ende des
Urknalls" war damals im den Medien zu lesen - unser Kosmos sei jünger als die ältesten Sterne, die Vorstellung vom Urknall sei damit ad absurdum geführt.
Doch so voreilig der Zahlenwert war, so voreilig waren auch die Schlußfolgerungen daraus. Denn das Alter des Kosmos hängt nicht nur davon ab, wie rasch er expandiert, sondern auch davon, wieviel Masse er enthält und wieviel "Vakuumenergie" im Raum selbst steckt.
Albert Einstein hatte diese Vakuumenergie 1917 als "Kosmologische Konstante" in seine
Gleichungen eingefügt. Nur diese Kosmologische Konstante erlaubte es ihm, im Rahmen seiner Relativitätstheorie einen zeitlich unveränderlichen Raum zu beschreiben - damals wußte man noch nicht, daß das Universum expandiert.
Nach der Entdeckung der Raumexpansion fiel der nun scheinbar überflüssige Zusatzterm dann in Ungnade. Einstein selbst bezeichnete ihn als "größte Dummheit" seines Lebens.
Doch mit einer gehörigen Portion Vakuumenergie läßt sich das Weltalter beliebig verlängern und so jedes Problem mit Sternen-Methusalems beheben. Und während die Astronomen lange Zeit darauf setzten, das es eine Vakuumenergie gar nicht
gäbe, deuten Messungen an weit entfernten Sternenexplosionen in den letzten Jahren an, daß dieser ungeliebte Beitrag zur kosmischen Energiebilanz sogar die treibende Kraft des Universums sein könnte.
Demnach wird die Expansion des Alls nicht, wie bislang vermutet, langsam durch
die Anziehungskraft der Materie abgebremst, sondern im Gegenteil durch die Vakuumenergie stetig weiter beschleunigt.
Die Welt wird also einstmals nicht im finalen Kollaps, dem "Big Crunch", enden, sondern in immerwährender, gähnender Leere.
In diesem Sinne, euer TopDog ...